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Geschrieben von RetroRunning.de   
Die Redaktion von www.just4run.de hat unabhängig voneinander den beiden Rückwärtsläufern Johannes Gosch aus Graz und Roland Wegner aus Augsburg die selben Fragen gestellt. Retrorunning.de fasste die beiden Interviews zusammen, die auf der Unterseite www.just4sports.de getrennt zu finden sind.



just4run: Wer es aus Spaß ausprobiert, wird schnell feststellen, dass Rückwärtslaufen gar nicht so einfach ist. Man kommt kaum „voran“... und hat schnell einen steifen Hals. Machen wir Greenhorns da etwas falsch?

Johannes Gosch: Wie jede neue Bewegung, muss auch das Rückwärtslaufen geübt werden. Dann kommt man gut voran. Das mit dem steifen Hals kommt kaum vor. Ich bin schon hunderte von Kilometern rückwärts gelaufen. Einen steifen Hals habe ich dabei nur einmal bekommen. Das war bei einem 24-Stundenlauf in der Nacht, als es kalt war und ich sehr oft zurück (also nach vorne) schauen musste. Ansonsten bekommt man ein gutes Gefühl für die Körper-Rückseite und muss dann seltener den Kopf drehen. Zu zweit - einer passt sozusagen auf - ist es noch leichter.

Roland Wegner: Man sollte sich nicht zu oft umdrehen und einfach an die Beschaffenheit der nächsten 50 Meter glauben, die man zwei Sekunden vorher gesehen hat. Aber natürlich kann ich die Ängste eines Anfängers verstehen - man läuft ja nicht alle Tage rückwärts. Mit der Zeit wächst aber der Mut und das Vertrauen - zwei wichtige Komponenten auch fürs Vorwärtslaufen. Und das mit dem Vorankommen ist eben eine Frage des Trainings. Über 1000 Meter rückwärts liegt der Weltrekord bei 3:20,09 Minuten, auf 5000 Meter bei 19:31,89 Minuten- also gar nicht so langsam, oder?



just4run: Was raten Sie allen, die es einmal probieren wollen? Sicher zuerst einmal eine stein- und wurzelfreie Strecke oder ein schönes Rasenstück zum Testen zu suchen, oder?

Johannes Gosch: Ja. Auf einer ebenen, gut einsehbaren Strecke langsam beginnen. Auch hier empfehle ich das Laufen zu zweit.

Roland Wegner: Keiner soll sein komplettes Training rückwärts machen. Auf jeder Strecke finden sich aber 100 Meter ohne Pfützen, Wurzeln oder Äste, die einigermaßen gerade verlaufen. Perfekt wäre natürlich die Tartanbahn. Beim Ein- und Auslaufen kann man hervorragend Rückwärtslaufen in sein Workout einbauen. Oder man läuft mit einem Partner, der einem - vorwärtslaufend - den Weg weisen kann.



just4run: Wie schnell sind „Fortschritte“ zu erwarten, was ist dann fühlbar?

Johannes Gosch: Man macht grundsätzlich sehr schnell Fortschritte. Da es viele Techniken gibt, sollte man auf die praktischen Ratschläge eines erfahrenen Rückwärtsläufers zurückgreifen. Das Rückwärtstraining sollte ein Ausgleich sein, außer wenn man wettkampfmäßig laufen will. Jedoch genügen ein paar hundert Meter im Training. In intensiveren Phasen sollte das Retrorunning maximal 10 % des Trainings ausmachen. Das heißt ein Verhältnis von 10 : 1 (vorwärts : rückwärts).

Roland Wegner: Die Forschritte sind erstaunlich schnell zu bemerken. Anfangs fühlt man sich unsicher und wie ein fünfjähriges Kind, das Fahrrad fahren lernen möchte. Sportler, die schon viele Jahre "normal" laufen, werden aber schon bereits bei der dritten Einheit zusätzliche Muskelkräfte (Hüfte, Oberschenkelvorderseite, Waden und erstaunlicherweise auch in den Armen) und ein besseres Körpergefühl verspüren.



just4run: Was könnten sich Interessierte/Neugierige als Ziel setzen? Einen kleinen Wettkampf? Welcher würde sich da anbieten?

Johannes Gosch: Zum Schmökern und für einen Überblick kann ich 2 Homepages empfehlen: www.retrorunning.de und www.backward-running-backward.com Ich würde aber weniger Wettkämpfe empfehlen, denn Rückwärtslaufen sollte primär Abwechslung ins Lauftraining bringen.

Roland Wegner: Man muss ja nicht immer gleich einen offiziellen Wettkampf machen. Oftmals bereiten die privaten Duelle doch viel mehr Spaß. Beispielsweise nach dem offiziellen Teil eines Training gegen einen Vereinspartner die 100 Meter rückwärts. Der Augsburger Rückwärtslauf über 1000 Meter wurde insgesamt sieben Mal ausgetragen und findet nun leider nicht mehr statt. Spätestens 2010 wird die dritte Weltmeisterschaft der Retrorunner ausgetragen - vermutlich in Österreich. In Deutschland wird es dieses Jahr sehr wahrscheinlich in Nußloch wieder eine offizielle Veranstaltung geben - wir planen gerade.



just4run: Sie schwärmen von vielen positiven Effekten. Woran liegt es, dass die Sportart noch weitgehend unbekannt ist und wie sehen Sie deren Zukunft in Europa?

Johannes Gosch: Hierzulande (Anm. der Red.: in Österreich) laufen wenige wettkampfmäßig rückwärts. Vielleicht sind es drei oder vier in Österreich, die das ernsthaft betreiben. Ich sehe das Rückwärtslaufen eher als Experiment und probiere viele Varianten aus (langsam, schnell, kurz, lang, auch im Gelände, Treppen etc.). Das fordert heraus und macht Spaß. Auch der philosophische Aspekt (Stichwort „Entschleunigung“) hat was... Ein spezielles Markenzeichen von mir ist, dass ich verkehrt herum unterschreibe. Das hat schon viel Aufsehen erregt. Aber schön langsam gewöhnen sich unsere Zeitgenossen daran.

Roland Wegner: Ja, das stimmt. Es muss wohl erst ein Läuferpapst, Olympiasieger oder ein bekannter Professor darüber referieren - und schon erhöht sich die Glaubwürdigkeit und der Bekanntheitsgrad um ein Vielfaches. Die Deutschen haben nämlich ein Zweifel-Gen. Außerdem erfinden sie erst dann etwas, wenn sie unbedingt müssen. Rückwärtslaufen klingt ungewöhnlich und scheint auf den ersten Blick unnötig zu sein. Da man keine Stöcke (Stichwort „Nordic Walking“) dazu braucht, hilft bei der Promotion auch nicht die Sportartikelindustrie. Rückwärtslaufen wird aber peu à peu in die Laufkalender Einzug halten, dafür spricht die statistische Kurve. Wir wollen es aber niemandem aufzwingen und verdienen auch kein Geld dabei. Daher hält sich der Promotions-Aufwand derzeit in Grenzen.



just4run: „Läuft“ diesbezüglich im europäischen Ausland oder Amerika mehr?

Johannes Gosch: Am meisten läuft derzeit in Italien. Da gibt es meines Wissens sicher die meisten Rückwärtsläufe und -läufer. Auf http://phpbb.forumgratis.com/retroforum-about149.html befindet sich eine aktuelle Liste der Läufe in Italien.

Roland Wegner: In Italien findet seit über 20 Jahren eine Rückwärtslauf-Serie mit fast 30 Wettkämpfen pro Saison statt (www.retrorunning.com). Auch andere Länder entdecken diese Bewegungsform als wettkampfkonform und versuchen sich darin. Bei unserer ersten WM hatten wir 50 Teilnehmer aus vier Ländern, bei der zweiten waren es bereits 100 Athleten aus acht Ländern - es geht also "voran" mit dem Rückwärtslaufen. Die Anfänge sind vergleichbar mit denen des Berglaufens, einer Disziplin, die mittlerweile auch sehr viele Anhänger gefunden hat.



just4run: Wie würden Sie für Ihre Sportart mit zwei, drei Sätzen werben?

Johannes Gosch: Rückwärts voraus sein. Mit Rückschritten und neuen Perspektiven in eine neue Zeit. Sich einmal anders spüren und damit Veränderungsprozesse einleiten...

Roland Wegner: Rückwärtslaufen macht Spaß, schont die Knie und stärkt die Muskulatur und den Kreislauf. Eine durch diese Bewegungsform verbesserte Laufökonomie kann zu einer Steigerung der körperlichen Fähigkeiten führen. Wer es regelmäßig einbaut, hat mehr vom Training.



just4run: Worauf bereiten Sie sich zurzeit vor?

Johannes Gosch: Im Moment habe ich wieder einige Experimente im Kopf: Zum Beispiel einen Tag ausschließlich rückwärts unterwegs sein. Oder einen Triathlon rückwärts bestreiten. Auch ein Feuerlauf, das heißt ein Lauf über glühende Kohlen rückwärts fehlt mir noch in meiner Sammlung. Ich weiß noch nicht, was ich in nächster Zeit umsetzen werde.

Roland Wegner: Derzeit sieht man mich eher gemäßigt am Lech joggen. Manchmal verirre ich mich auch zum Auspowern in ein Hochhaus und renne dort die Treppen hoch. Ich will mit meinen 33 Jahren weiterhin fit bleiben und im Sommer zur Abwechslung ein paar Wettkämpfe bestreiten. Ein genaues und unbedingt zu erreichendes Ziel ist für dieses Jahr noch nicht definiert.



just4run: Wenn Sie trainieren - wie sieht das spezielle Training fürs Rückwärtslaufen aus?

Johannes Gosch: Zur Zeit baue ich in jedes Lauftraining ein paar hundert Meter rückwärts ein. Das ist alles.

Roland Wegner: Die langen Einheiten trainiere ich wie jeder andere Leichtathlet/Läufer auch. Für die schnellen/kurzen Tempoläufe (etwa 30 Prozent des Gesamttrainings) drehe ich mich immer wieder mal um (mit 25 km/h ist Rückwärtssprinten wie fliegen) oder verwende (vorwärts natürlich) die Treppe eines Hochhauses.



just4run: Was haben Sie 2009 vor und wie sehen Ihre Fernziele und noch unerfüllten sportlichen Träume aus?

Roland Wegner: Glücklicherweise konnte ich alle meine realistischen Ziele erreichen. Ich war (vorwärts) zweimal Teilnehmer der Deutschen Leichtathletikmeisterschaften und zweimal Bayerischer Meister mit der 4 x 400 Meter-Staffel und vielfacher Schwäbischer Meister über die Sprintstrecken. Beim Perlachturmlauf und zwei weiteren Treppenläufen halte ich die Streckenrekorde und beim Rückwärtslaufen drei Weltrekorde. Ich werde zwar weiterhin bei einigen Wettkämpfen mit meinen Spikes vorbeischauen, aber "muss" mir und keinem anderen nichts mehr beweisen. Ich höre jetzt mehr auf meinen Körper und lege öfter Regenerationspausen ein, als es normalerweise der Plan eines ehrgeizigen Leichtathleten zulassen würde. Als einziges sportliches Nahziel ist vielleicht das in Gersthofen stattfindende „vorwärts-rückwärts-Duell“ gegen die „Augsburger Panther“ zu nennen, bei dem ich auch bei der 4. Auflage gerne wieder als Erster im Ziel sein möchte. Freuen würde es mich außerdem, wenn ich die 200 Meter (vorwärts) weiterhin unter 23 Sekunden sprinten kann. Zusammen mit meinem Verein organisiere ich als nächstes (30.05.2009) den 1. Augsburger Hochhauslauf im Studentenwohnheim an der Lechbrücke (Ausschreibung unter www.leichtathletik-tsv-schwaben.de ) und hoffe dabei auf einen regen Teilnehmerzuspruch.

 
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