Home
Neuer Weltrekord beim Halbmarathon der Männer, Bericht online Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 9
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Roland Wegner   
Achim Aretz unterbot am Wochenende den bisherigen Weltrekord im Halbmarathon um 1:30 Minuten. Er benötigte für die 21,0975 Kilometer rückwärts nur 1:40:29 Stunden. Retrorunning.de gratuliert dazu recht herzlich!



Ausführlicher Bericht von Echo Münster:



[30.11.2009 | LUH]Manchmal bedarf es kleiner oder größerer Zufälle, um eigene Talente zu entdecken, die bisher im Verborgenen geschlummert haben. Und manchmal muten diese Talente für Außenstehende auf den ersten Blick, sagen wir mal: etwas verrückt an.

Das gilt wohl auch für Achim Aretz. Der Leichtathlet von den Laufsportfreunden Münster ist über die Halbmarathon-Distanz von 21,1 Kilometern seit Sonntag der schnellste Mann der Welt – im Rückwärtslaufen! Beim Essener Blumensaat-Lauf bewältigte der 25-Jährige die Strecke in 1:40:29 Stunden und unterbot damit den 20 Jahre alten Weltrekord des Franzosen Yves Pol um 1:31 Minuten.



Beweiskamera macht schlapp



Ob diese Bestzeit jetzt anerkannt wird, muss Aretz noch abwarten. Denn wie man sich vorstellen kann, führt hier nicht der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) oder gar der Weltverband IAAF diese Bestenlisten. Der Eintrag würde Eingang finden ins „Guinness-Buch der Rekorde“ – sofern die Londoner ihn anerkennen. Die Auflage zur Anerkennung nämlich ist eine lückenlose Video-Dokumentation des Laufes, und die kann Aretz nicht bieten. „Etwa nach der Hälfte der Strecke am Baldeneysee ist ein Wolkenbruch über uns gekommen, wie ich es in einem Wettkampf noch nicht erlebt habe“, berichtet der gebürtige Essener.



Die für die „Beweisführung“ mitgeführte Digi-Cam machte schlapp, Freunde und Vereinskollegen von Aretz versuchten mit privaten Geräten noch möglichst viele Sequenzen des Weltrekordlaufs einzufangen. „Wir werden jetzt einfach alle Videos hinschicken und die Hoffnung nicht aufgeben, dass es vielleicht trotzdem den Eintrag und damit den Weltrekord gibt“, kündigt der Geologie-Student an. Falls sich die Guinnesser quer stellen, wird Aretz es 2010 wohl noch einmal versuchen. Schließlich weiß der LSF-Athlet, dass er die Zeit gelaufen ist, offiziell anerkannt hin oder her.



Enorme Belastung



Dass die Leichtathletik-Organisationen eine solche Leistung nicht in ihre Annalen aufnehmen, schmälert die sportliche Leistung des Läufers nicht. „Beim Rückwärtslaufen“, erklärt Michael Holtkötter, Trainer bei den LSF, „läuft man die komplette Distanz ausschließlich auf dem Vorderfuß.“ Eine enorme Belastung für die Waden. Und für den Nacken. Denn die komfortable Situation wie in Essen, dass es sich erstens um eine asphaltierte Pendelstrecke handelt, und Aretz zweitens mit Christoph Diehl eine Art Lotsen hat, der unmittelbar hinter ihm laufend Richtung und Obstakel ansagt, ist nicht immer gegeben. Der Blick über die Schulter ist sozusagen obligat. „Der Schmerz im Nacken ist meist größer als der in den Waden“, bekennt Aretz.



Rekordzeiten angeguckt



Auf die Idee gekommen ist der Student vor drei Jahren. „Ich habe da mit einem Freund traininert, der dann pro Einheit auch immer einige hundert Meter rückwärts gelaufen ist.“ Eine längst etablierte Trainingsmethode für Langstreckler. Seit 2008 perfektionierte Aretz sein Talent, lief auch schon die 10.000 Meter rückwärts. „Ich habe mir dann aus Spaß einfach mal die Rekordzeiten angeguckt und hochgerechnet“, sagt Aretz. Mit dem bekannten Ergebnis.



"Drehen sich nicht um"



In den letzten sechs Wochen begann die intensive Vorbereitung mit wöchentlich drei Rückwärtseinheiten mit insgesamt 40 bis 50 Kilometern. Abgespult am Aasee, was – im Übrigen auch zur Verwunderung von Aretz – auf wenig öffentliche Resonanz stieß: „Manchmal sind da ein paar Kinder mitgelaufen, irgendwann ist eine Oma mit dem Rad eine Zeit nebenhergefahren. Die anderen drehen sich nicht einmal um.“ Was dem 25-Jährigen sehr recht ist. Denn so schwer es für den Laien zunächst zu glauben ist, läuft Aretz nicht rückwärts, um Aufsehen zu erregen, sondern schlicht aus dem Ur-Instinkt heraus, der jedem Wettkampfsportler innewohnt: In seiner Disziplin der Beste zu sein.



Lutz Hackmann
 
< Zurück   Weiter >