Online Bericht der "Kleinen Zeitung", Österreich "Beim Sport ist weniger mehr" Warum Leistungsdruck im Hobbysport nichts verloren hat und wieviel Bewegung man eigentlich braucht, erklärt Sportwissenschaftler Johannes Gosch im Interview mit der Kleinen Zeitung.
Gründe gäbe es ja genug: um das Gewicht zu reduzieren oder weil es der Arzt gesagt hat, weil man mit Freunden mitmachen will oder als Ausgleich zum stressigen Beruf. Wer jung ist will seine Grenzen austesten, wer älter ist noch dazugehören. Bewegung kann aber auch helfen, Schmerzen zu lindern.
Viele wollen sich gerne mehr bewegen, fangen aber nie damit an oder hören schnell wieder auf. Gibt es da einen Tipp?
Johannes Gosch: Der richtige Einstieg ist wichtig. Viele beginnen leistungsorientiert und laufen mit der Pulsuhr gleich ein paar Kilometer. Das ist anstrengend, Muskelkater stellt sich ein und man sagt sich gleich: Das ist nichts für mich. Mein Tipp: weniger ist mehr. Man muss ganz sachte anfangen, in die Natur hinausgehen, probieren, gehen genügt schon oder mit dem Rad ausfahren, auf den Körper horchen. Was tut mir gut? Wo fühle ich mich wohl? Der Spaß an der Bewegung ist das Allerwichtigste. Wenn es mir gelingt, mit der Bewegung möglichst oft ein positives Gefühl zu schaffen, passiert neurophysiologisch ein Muster im Gehirn, sodass die Wahrscheinlichkeit höher wird, dass ich das auch beibehalte und immer wieder möchte.
Woran erkenne ich, ob ich ein Lauf-Typ, ein Radfahr-Typ oder ein Kletter-Typ bin?
Gosch: Ausprobieren! Fängt man gänzlich ohne sportliche Vergangenheit an, ist es empfehlenswert, sich an einen Spezialisten zu wenden, einen Sportwissenschaftler, einen Fitnesstrainer, Mental-Trainer im sportlichen Bereich oder einen Sportpsychologen. Die können im Gespräch herausfinden, was zu probieren wäre.
Wie viel Bewegung braucht man eigentlich?
Gosch: Damit der Körper normal funktionieren kann, braucht er ein bestimmtes Bewegungsausmaß. Ziel wäre es, eine unbewusste Kompetenz zu erwerben, dass man sich nicht mehr Gedanken machen muss, wann und wie oft man sich im Alltag bewegen muss, sondern, dass es zum Lebensstil dazugehört. Die berühmten tausend Schritte am Tag oder zwanzig Minuten Stiegen steigen oder bestimmte Strecken zu Fuß gehen, das wäre schon ein guter Einstieg. Den Rest kann man durch Ausdauersport, Gymnastik usw. decken. Wer Spaß daran hat, kann auch ins Fitnessstudio gehen. Was halten Sie von "Hilfsmitteln" wie beispielsweise den elektrisch unterstützten Fahrrädern, die jetzt boomen?
Gosch: Ich finde E-Bikes gut. Auch wenn es den Elektroantrieb gibt, tritt man doch mit. Damit spricht man Menschen an, die sonst keine Bewegung machen würden.
Welcher Sport macht Ihnen gerade Spaß?
Gosch: Rückwärts laufen. Ich beschäftige mich schon seit acht Jahren damit. Es ist spannend und man kann rückwärts laufen durchaus als Trend sehen. Wir brauchen in unserem vorwärts-beschleunigten Alltag einen Ausgleich. Im August findet heuer die Rückwärtslauf-Weltmeisterschaft in Kapfenberg statt, bei der von 100 bis 10.000 Meter rückwärts auf der Bahn gelaufen wird. Für mich wird es da auch als Teilnehmer spannend. |