| Rückwärtslaufen in China eine Gesundheitsphilosophie |
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| Geschrieben von Roland Wegner | |
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Bericht aus: Leben in China Heute morgen bin ich zur Arbeit ein längeres Stück an einem Fluss entlang gelaufen. Die Sonne schien, es ist noch immer sehr kalt in Peking, meist unter dem Gefrierpunkt. Aber ich habe den Spaziergang genossen. Frische Luft, blauer Himmel, ein bisschen Sonne im Gesicht. Der Weg am Fluss ist im Sommer immer sehr belebt, vor allem bei Rentnern. Dann werden Karten gezockt, Mahjong-Steine hin und her geschoben, geangelt… Diese bewegungsarmen Aktivitäten sind gerade vom Uferweg verschwunden, aber die üblichen sportlichen Aktivitäten sind zu beobachten. Eine ältere Dame übte auf der anderen Seite Thai-Chi, in langsamen fließenden Bewegungen. Dann stapft mir eine Frau, in einer Art Marschschritt, die Arme weit schwingend, in großen Schritten entgegen. An der Leine hastet der typische weiße kleine Plüschhund hinterher, den vor allem die älteren Chinesen so lieben. Typisch für diese Jahreszeit in eine rosane Steppjacke gekleidet. Der Hund. Und dann kurz vor dem Büro noch eine Rentnerin rückwärtslaufend. Und hier begann ich nachzudenken. Dass die Chinesen, meist die Älteren, gerne Gymnastik, Thai-Chi und energetische Spaziergänge machen, das ist bekannt. Aber ich begann nachzudenken über das Rückwärtslaufen. Über die Perspektive und über Gespräche, die ich jüngst hier in Peking geführt habe. Wer rückwärts geht, der hat einen ganz anderen Blick auf die Welt. Was in unserem Sprachgebrauch kritisch gedeutet wird – jemand ist rückwärts gewandt – altmodisch, und schaut nicht – und das ist stets positiv gewertet – nach vorn, auf das, was ihm begegenen mag. Warum aber laufen die Chinesen (und übrigens auch die Japaner) so gerne mal mit dem Rücken voran? Es ist Teil des chinesischen Gesundheitsverständnisses, sich einstweilen umzudrehen und dem, was da kommt, den Rücken zuzuwenden. Im Qi Gong, wörtlich übersetzt, der Arbeit am Qi (der Lebensenergie, Qi=Energie, Gong=Arbeit), gilt es als gut für den Körper ihn ab und an aus den alltäglichen Bewegungsabläufen zu entreißen und die Richtung zu wechseln. Andere Muskelgruppen werden genutzt, die Aufmerksamkeit und das Gehör gestärkt. Ich mag diese Idee sehr. Die Aufmerksamkeit stärken, auf das Hier und Jetzt zu verlagern, in dem ich mich verlangsame, behutsamer und konzentrierter gehe. Und ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem chinesischen Mädchen, dass ich jüngst geführt habe. Ich erzählte ihr, dass ich die Gelassenheit der Chinesen manchmal bewundere. Obwohl hier in den Millionenstädten das Leben und Schaffen ein riesiges Gewirr und Gelärme ergibt, so habe ich doch oft das Gefühl, der Einzelne lässt sich ungern aus der Ruhe bringen. Ich glaube, dass hat mit einer sehr gegenwärtigen Sicht auf die Dinge zu tun. Das Leben spielt sich oft viel mehr in dem Moment ab, der gerade an uns vorbeistreift, als in einem im Kopf konstruierten „Später“. Dieses Land strebt mit einer Geschwindigkeit wie kein zweites der Moderne entgegen und die Menschen blicken beim Laufen gerne auf das, was sie hinter sich lassen. Die junge Chinesin bestätigt meinen Eindruck der gefühlten Präsenz mit der gegenteiligen Erfahrung. Ihr sei aufgefallen, dass Ausländer oft sehr zukünftig denken, sich sehr viel sorgen, viele Gedanken auf mögliche Schwierigkeiten verwenden. Das macht uns zu guten Ingenieuren, und uns Deutschen, die Meister des Sorgens, zu guten Versicherungskunden. Es beschleunigt aber Leben auch sehr und koppelt uns ab, von dem, was um uns herum geschieht. Das Rückwärtslaufen kommt bei der jungen Generation der Chinesen aus der Mode. Sie schauen viel mehr stetig auf ihr Mobiltelefon. Dem Inbegriff der Ort- und Zeitentkoppelung, des nach Vorne schauens. Meine chinesische Bekannte, als Vollzeitumweltschützerin sowieso eher ein Ausnahmephänomen in einer sehr konsumangefixten jungen Generation, bedauert das sinkende Interesse an chinesischen Traditionen in ihrem Land. Ich kann das gut nachfühlen und freue mich innerlich über jeden rhythmisch in die Hände klatschenden Rückwärtsläufer der mir in den Straßen Pekings begenet. Originaltext: Leben in China Rückwärtslaufen eine andere Perspektive |
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